Ausstellungen
Vorschau

Projektionen II

Jonas Mekas: As I Was Moving Ahead Occasionally I Saw Brief Glimpses of Beauty (2000)


16mm-Film auf DVD, 288 Min.

Ausstellungsdauer: 9. Juni bis 8. Juli 2018
Vernissage: 8. Juni 2018, 19 Uhr 


Jonas Mekas, »As I Was Moving Ahead Occasionally I Saw Brief Glimpses of Beauty«, 2000 (Still), 16mm-Film auf DVD, 288 Min.
Jonas Mekas, »As I Was Moving Ahead Occasionally I Saw Brief Glimpses of Beauty«, 2000 (Still), 16mm-Film auf DVD, 288 Min.

Nächtliche Farbreflexe, Feuertreppen im Gegenlicht, ein Mädchen spielt Geige, eine Katze schnappt eine Maus. »I have never been able really to figure out where my life begins and where it ends. ... What it’s all about, what it all means«, räsoniert Jonas Mekas aus dem Off. Der Auftakt seines Filmessays »As I Was Moving Ahead...« erklärt bereits den Zufall zum Strukturprinzip. Aufnahmen von 1970 bis 1999 aus seinem privaten Alltag fügt der damals bald achtzigjährige Filmemacher spontan zusammen, gerade so, wie er das Material in seinem Archiv vorfindet. Im kontinuierlichen Bilderstrom offenbart sich die Schönheit des einzelnen Moments. Fragmente bewahren eine Ahnung von Glück. Da sind Trinkgelage mit Freunden, die Taufe eines Kindes, Szenen am Abendbrottisch, die eigene Hochzeit. In den persönlichen Erinnerungen scheint das Universelle auf. Die Unmittelbarkeit der Szenen verdankt sich einer kleinen Handkamera, deren Einsatz Jonas Mekas über Jahre perfektioniert hat. Unschärfen, Über- und Unterbelichtungen gehören zu seinem »gestischen Stil«. Auf der Tonebene arrangiert er Off-Kommentare, Klaviermusik und Geräusche. Wind in den Bäumen im Central Park, der Straßensound von Manhattan, entfernter Lärm der Millenniumsfeiern Silvester 1999, während er allein im Schneideraum sitzt. Der Film ist auch eine Ode an New York, die Wahlheimat von Mekas. Doch die Wehmut, die den Betrachter befällt, braucht keinen konkreten Ort. Sie speist sich allein aus dem Bewusstsein für die Flüchtigkeit des Augenblicks: »This was Paradise.«

Seit den 1960er Jahren gehört Jonas Mekas zu den Schlüsselfiguren der amerikanischen Filmavantgarde. Geboren 1922 in Litauen und während des Krieges in ein deutsches Arbeitslager verschleppt, verließ er Deutschland 1949 und ging nach New York. Er ist Experimentalfilmer, Dichter und Kritiker. Freundschaften mit Robert Frank, Allen Ginsberg, John Lennon, George Maciunas oder Andy Warhol, mit denen er teils zusammenarbeitete, hatten Einfluss auf sein Werk. 1970 gründete er das Anthology Film Archive, die weltweit größte Institution für den experimentellen Film. Doch im Zentrum seiner Arbeit stehen seine radikal subjektiven Filmtagebücher, in denen er die flüchtigen Momente der >Wirklichkeit< zu intensivieren sucht. Einen »Propagandafilmer des Glücks« hat er sich selbst genannt. »As I Was Moving Ahead...« ist Jonas Mekas’ Opus magnum: sein Vermächtnis schon zu Lebzeiten.


Projektionen III

Hiwa K: Pre-Image (Blind as the Mother Tongue) (2017)

HD-Video, 18 Min.

Ausstellungsdauer: 13. Juli bis 19. August 2018
Vernissage: 12. Juli 2018, 19 Uhr 


HIWA K, Pre-Image (Blind as the Mother Tongue), 2017 (Still, Ausschnitt), HD-Video, 18 Min.
Coproduced by Open-Vizor, Abbas, Nokhesteh, Courtesy the artist, KOW, Berlin
HIWA K, Pre-Image (Blind as the Mother Tongue), 2017 (Still, Ausschnitt), HD-Video, 18 Min.
Coproduced by Open-Vizor, Abbas, Nokhesteh, Courtesy the artist, KOW, Berlin

Die Videoarbeit »Pre-Image (Blind as the Mother Tongue)« zeigt den irakisch-kurdischen Künstler Hiwa K zu Fuß auf dem Weg durch weite Landschaften, über Straßen und Brücken, entlang von Siedlungen und Hafenanlagen. Er folgt den Etappen einer Flucht, die ihn vor Jahren aus dem Nordirak über die Türkei und Griechenland nach Italien führte. Auf der Nase balanciert er ein merkwürdiges Objekt, bestehend aus einem langen Stab und mehreren Motorradspiegeln, die seine Umgebung reflektieren und ihm als Navigationshilfe dienen. Im prekären Akt des Balancierens wiederholt sich die Erfahrung der Desorientierung und existentiellen Verunsicherung. Um sich zu erinnern, verrät seine Stimme aus dem Off, brauche man manchmal archäologische Werkzeuge der besonderen Art. Die fragmentarischen Spiegelungen – Hiwa K nennt sie »Pre-Images« (Urbilder) – werden von bruchstückhaften Erzählungen begleitet. Erinnerungen an seine Mutter, die mehrmals versuchte, ihn abzutreiben, an die Nachricht vom Tod seines Vaters und an den Cousin, der einen Fluchtversuch mit dem Leben bezahlte. Der eigene Aufbruch ins Ungewisse könnte tödlich enden. Wenn von den Tagen als blinder Passagier im Rumpf eines Schiffes die Rede ist, bleibt die Leinwand schwarz, die Muttersprache löst das erlernte Englisch ab. Regression und Progression, Rückbesinnung auf das alte Ich und Vergewisserung der neuen Identität bedingen das psychische Gleichgewicht. Auch das ist ein Balanceakt.

Hiwa K (*1975) lebt mittlerweile als politischer Flüchtling in Deutschland. In seinen Videoarbeiten, Performances und Installationen untersucht er Phänomene der Isolation, Entfremdung und Assimilation. Auf der documenta 14, wo »Pre-Image (Blind as the Mother Tongue)« im Athener Konservatorium zu sehen war, griff er die Migrationsdebatte auch mit seinem »One Room Apartment« auf, einer Treppe mit Betonpodest, auf dem eine schmale Bettstatt den Blicken ungeschützt ausgesetzt war. Vor der documenta-Halle in Kassel ließ er sechzig Röhren stapeln, ausgestattet mit Möbeln und überlebenswichtigen Gegenständen. Er hatte auf der Flucht vor Saddam Husseins Truppen selbst einmal in einem solchen Stapel Schutz gesucht. In den Werken Hiwa Ks manifestiert sich eine Sphäre des Dazwischen, eine Zone des Übergangs. Sie ruft uns ins Gedächtnis, formulierte documenta-Leiter Adam Szymczyk, »dass wir – auch wenn wir ankommen – immer auf den Ort zurückblicken, wo unsere Reise begann und wohin wir, vielleicht, niemals zurückkehren werden«.


Projektionen IV

Christoph Girardet & Matthias Müller: personne (2016)

HD-Video, 15 Min.

Ausstellungsdauer: 25. August bis 30. September 2018
Vernissage: 24. August 2018, 19 Uhr 


Christoph Girardet & Matthias Müller, personne (2016), (Still, Ausschnitt), HD-Video, 15 Min. 
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Christoph Girardet & Matthias Müller, personne (2016), (Still, Ausschnitt), HD-Video, 15 Min.
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Es gibt einen kurzen Moment in der Videoarbeit »personne« von Christoph Girardet und Matthias Müller, da spürt der Betrachter den Impuls zu soufflieren und selbst eine Antwort zu finden auf das, was letztlich nicht benannt werden kann. »The most significant thing about me is« steht auf einem Blatt Papier, eingespannt in eine alte Schreibmaschine. Dann bricht der Satz ab. In der Leerstelle, die entsteht, manifestiert sich die Krise der Selbsterkenntnis. Tatsächlich ist »personne« eine Meditation über Entfremdung und eine Inszenierung des Schreckens in Anbetracht des Nichts. Wenn eine Faust blitzschnell über Buchrücken fährt, die akkurat in Reihe stehen, lässt sich ein Titel entziffern: Essays on Fear.

Jean-Louis Trintignant, der Protagonist dieses Found-Footage-Films, bewegt sich wie somnambul durch eine Welt, in der die Spuren seiner Existenz gelöscht zu sein scheinen. Leere Fotoalben, blanke Zettel, karge Interieurs: Indizien verlorener Erinnerung. Wenn dann für einen Augenblick René Magrittes Gemälde »La reproduction interdite« (Die verbotene Reproduktion) aufscheint, die Rückenansicht eines Mannes, der sein Ebenbild von hinten betrachtet, dann ist das nicht allein eine Metapher der gescheiterten Selbstfindung. »Wer auch immer das Bild anschaut«, hat Magritte einmal verraten, »der repräsentiert das, was er sieht.« In der einsamen Gestalt Trintignants und seiner unheimlichen Wiedergänger Gregory Peck, Peter Finch oder Henry Fonda werden wir mit uns selbst konfrontiert. In Filmen, heißt es nach Jean Cocteau, könne man dem Tod bei der Arbeit zusehen. Das trifft auf »personne« in besonderer Weise zu, weil die einprägsame Schlusssequenz, in der ein junger Trintignant in den Rückspiegel schaut, um im nächsten Moment als Greis im Wagen zu sitzen, Lebenszeit magisch verdichtet. Doch es gilt darüber hinaus grundsätzlich für die gemeinsamen Werke der beiden Künstler, in denen das Thema von Abwesenheit und Verlust reflektiert wird. Seit 1999 arbeiten Girardet (*1966) und Müller (*1961) in Abständen immer wieder zusammen. Ihre komplexen Montagen aus vorgefundenen Bildern und Filmszenen schaffen neue Erzählungen. Dass sie dabei das Referenzsystem des Kinos und seine Ästhetik der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre, die verloren zu gehen droht, subtil reanimieren, gehört zu den produktiven Paradoxien ihrer Kunst.

 
 
 
 

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